Europa

Magyars Wahlsieg – Was russisch-ungarische Beziehungen erwartet 

Viktor Orbáns Fidesz-Partei geht nach den Parlamentswahlen in die Opposition und verliert ihre Mehrheit an Tisza unter der Führung von Péter Magyar. Die Zeitung "Wedomosti" hat analysiert, welche Politik das neue Kabinett verfolgen wird – und was das für Moskau bedeutet.
Magyars Wahlsieg – Was russisch-ungarische Beziehungen erwartet Quelle: Sputnik © Jekaterina Tschesnokowa

Die Parlamentswahlen in Ungarn endeten mit einer Niederlage für die Fidesz-Partei von Ministerpräsident Viktor Orbán. Dmitri Peskow, der Pressesprecher des russischen Präsidenten Wladimir Putin, sagte am Montag, Moskau respektiere die Entscheidung der Ungarn und hoffe, die "pragmatischen Kontakte" mit Budapest fortsetzen zu können.

Péter Magyar, Vorsitzender der Tisza-Partei, die die Wahlen gewonnen hat, sagte während der Pressekonferenz: "Sie sind auch offen für eine pragmatische Zusammenarbeit, genau wie Ungarn, denn Geografie ist Geografie, und es ist zu erwarten, dass sich Ungarn und Russland in naher Zukunft in die richtige Richtung bewegen werden."

Weiter betonte Magyar, er selbst habe nicht die Absicht, zuerst Putin oder US-Präsident Donald Trump anzurufen, würde aber auf eine hypothetische Anfrage von ihnen antworten, schrieb die Zeitung Wedomosti

Der Politiker glaubt jedoch, dass Russland eine Sicherheitsbedrohung für Europa darstelle. Dabei betonte er, dass er damit nicht das russische Volk meine. Gleichzeitig räumte er ein, dass die EU die Sanktionen gegen Russland nach dem Ende des Konflikts in der Ukraine aufheben soll.

Magyar fügte hinzu, er werde danach streben, gleiche Bedingungen für alle ausländischen Unternehmen zu gewährleisten, und aus diesem Grund würden die unter Orbán abgeschlossenen Verträge überprüft. Dies betreffe auch den Bau des AKW Paks-2, der im Februar 2026 im Rahmen des Rosatom-Projektes begonnen wurde.

Weiter schrieb Wedomosti, dass Magyar versicherte: Budapest plane nicht, automatisch auf den Kauf von Öl aus Russland zu verzichten, das bis zum jüngsten Skandal mit Kiew über die Druschba-Pipeline geliefert worden war. Magyar sagte, Ungarn strebe nach der Diversifizierung der Energielieferungen. Dies bedeute jedoch nicht, dass Budapest sich der Zusammenarbeit mit Russland verweigern werde. Das Blatt wies darauf hin, dass Ungarn laut dem Wahlprogramm der Tisza-Partei unabhängig von russischen Energielieferungen bis zum Jahr 2035 sein sollte.

Wedomosti hat Experten zu den möglichen Perspektiven des Verhältnisses zwischen Moskau und Budapest befragt:

Laut Wadim Truchatschow, Dozent an der Finanzuniversität der Russischen Föderation, werde Orbáns Wahlniederlage für Russland Konsequenzen haben. Magyar werde die Verabschiedung neuer Sanktionen gegen Russland weder verhindern noch schwächen. Darüber hinaus könnte er die Verträge mit Moskau über die Fertigstellung des AKW Paks-2 sowie den Kauf großer Mengen Gas und Öl (auch über die Druschba-Pipeline) kündigen und sich damit die Möglichkeit offenhalten, die fehlenden Mengen nur über befristete Verträge zu beziehen. "Europäische Politiker, darunter auch Magyar, sind zuversichtlich, dass russisches Gas, wenn auch nicht vollständig, ersetzt werden kann. Und in diesem Sinne sind die besonderen russisch-ungarischen Beziehungen beendet", erklärte Truchatschow gegenüber dem Blatt.

Eine andere Meinung vertritt Dmitri Ofizerow-Belski, Leiter der Forschungsgruppe für die Baltische Region am Institut für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen der Russischen Akademie der Wissenschaften. Er geht davon aus, dass es keine sofortige Einstellung wichtiger Energieprojekte mit Russland wie dem Bau des AKW Paks-2 oder einen Verzicht auf Kohlenwasserstoffe geben werde, da Ungarn derzeit keine wirklichen Alternativen habe. "Das Atomkraftwerksprojekt läuft schon seit vielen Jahren und befindet sich in einem Stadium, wonach es nicht so ​​einfach eingestellt werden kann", sagte der Experte im Gespräch mit der Zeitung. Er fügte hinzu, dass die neuen ungarischen Behörden alle Vor- und Nachteilte in Betracht ziehen und von den rationalen Überlegungen ausgehen würden.

Dem Experten zufolge bedeuten Orbáns Niederlage und Magyars Wahlsieg keine radikalen Änderungen der außenpolitischen Beziehungen Ungarns, sondern den Übergang zu einem pragmatischeren Kurs. Unter Magyar werde die ungarische Außenpolitik ihre Kontinuität hinsichtlich des Schutzes nationaler Interessen bewahren, aber Orbáns konfliktreicher Umgang mit Brüssel werde der Vergangenheit angehören, so Ofizerow-Belski weiter. "Magyar ist nicht das Gegenteil von Orbán. Tatsächlich hat Magyar gewonnen, weil seine Rhetorik sich nicht von Orbáns Rhetorik unterschieden hat. Der einzige Unterschied besteht darin, dass er jünger ist", betonte der Experte. Laut Ofizerow-Belski bestehe der Hauptgrund für Orbáns Niederlage darin, dass die Gesellschaft von Orbáns 16-jähriger Regierung und endloser Konfrontation mit Brüssel müde sei.

Truchatschow geht davon aus, dass Budapest die Lieferung von Waffen und anderer EU-Hilfen an Kiew nicht behindern werde. Budapest selbst könnte sich jedoch weigern, Waffen zu liefern (oder dies mit der Lage der Ungarn in Transkarpatien in der Ukraine in Verbindung bringen).

Ofizerow-Belski glaubt, Magyar werde "nicht mit einem Veto [bei Abstimmungen über Mittel für Kiew] drohen", was ihn jedoch "nicht zu einem Befürworter von Hilfen für die Ukraine" mache.

Die beiden Experten seien sich einig, so Wedomosti, dass Magyar als ein "absolut systemischer EU-Politiker" agieren werde, der sich von nationalen Interessen leiten lasse.

Im Gespräch mit dem Blatt wies Ofizerow-Belski auf die Rolle Ungarns in der militärisch-politischen Konfrontation zwischen Russland und der NATO hin. Aufgrund der geografischen Lage spiele dieses Land eine strategische Rolle, und zusammen mit der Slowakei teile Ungarn die Ostflanke der NATO in einen nördlichen und einen südlichen Teil. Von der Position der ungarischen Behörden hänge die Logistik des Bündnisses sowie die Entwicklung der Infrastruktur für operative Truppenverlegung ab.

Laut Truchatschow gibt es in Magyars Umgebung Russophobe, mit denen er rechnen müsse. Aber Magyar selbst gehöre nicht zu ihnen, und aus diesem Grund würden die Beziehungen zwischen Moskau und Budapest den Beziehungen Österreichs und der Tschechischen Republik gegenüber Russland ähneln, sagte der Experte abschließend. 

Die ungekürzte Fassung des Artikels ist auf Russisch am 14. April 2026 auf der Webseite der Zeitung Wedomosti erschienen.

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