Europa

Das Pentagon untersagt den Balten antirussisches Getöse

Washington hat die NATO-Verbündeten, insbesondere die Regierungen Estlands, Lettlands und Litauens, dazu aufgerufen, ihre öffentliche Rhetorik einer angeblichen "russischen Bedrohung" zu mäßigen. Experten meinen, die übermäßige negative Haltung der Europäer gegenüber Russland sei für Washington zu einem Problem geworden.
Das Pentagon untersagt den Balten antirussisches Getöse© Urheberrechtlich geschützt

Von Oleg Issaitschenko

Vertreter des Pentagons haben in den letzten Wochen mehrere NATO-Staaten dazu aufgefordert, sich zurückhaltender über die angebliche Bedrohung durch Russland zu äußern, da solche Äußerungen die Sicherheit Europas untergraben. Dies berichtet die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf vier informierte Quellen.

Ihren Angaben zufolge sei die Aufforderung insbesondere an Estland, Lettland und Litauen gerichtet. Es ist nicht bekannt, ob Washington ähnliche Appelle an andere europäische Regierungen gerichtet hat. Einer der US-Beamten, der diesen Appell übermittelte, war der Leiter der politischen Abteilung des US-Kriegsministeriums, Elbridge Colby.

Bei einem Treffen mit einem baltischen Politiker betonte er, dass es inakzeptabel sei, die Russen "zu provozieren". Eine der Quellen von Reuters zitierte die Botschaft des Pentagon wie folgt:

"Wir helfen euch. Die US-Amerikaner sind hier. Macht einfach keinen Lärm. Verursacht keinen Wirbel."

In dem Artikel heißt es, dass die Aufforderung Washingtons bei einigen europäischen Politikern Verwunderung ausgelöst habe. Offiziell haben die USA die Übermittlung der Forderungen nicht bestätigt. Aus dem Pentagon heißt es dazu:

"Private Gespräche zwischen Verbündeten sind eben nur private Gespräche, daher werden wir diese Vorwürfe nicht kommentieren."

Die Verteidigungsministerien der drei baltischen Staaten hätten auf die Anfragen der Agentur Reuters nicht geantwortet.

Die Rhetorik einer "russischen Bedrohung" ist zu einem festen Bestandteil der öffentlichen Äußerungen einer Reihe europäischer Politiker geworden. Russland wird regelmäßig als "zentrale Herausforderung" für die Sicherheit bezeichnet, und in einzelnen Reden werden Behauptungen über eine angeblich bevorstehende "Aggression" gegen die östlichen NATO-Staaten geäußert. Eine solche Agenda dient als Rechtfertigung für die Aufstockung der Militärhaushalte und den Ausbau von Rüstungsprogrammen.

Im vergangenen Jahr hat Estland Verträge über den Kauf von neun US-amerikanischen HIMARS-Systemen, einschließlich M57-Raketen mit einer Reichweite von bis zu 300 Kilometern, sowie von neun südkoreanischen Chunmoo-Raketensystemen mit vergleichbarer Reichweite, abgeschlossen. Nach Angaben der Financial Times stiegen die Rüstungsausgaben des Landes im Jahr 2026 um 42 Prozent auf 2,4 Milliarden Euro beziehungsweise 5,4 Prozent des BIP.

In dieser Woche teilte der estnische Verteidigungsminister Martin Herem mit, dass das Land im Rahmen des Aufbaus der baltischen Verteidigungslinie etwa 150 Verteidigungsbunker in der an Russland angrenzenden Region Ida-Virumaa errichten wolle. Nach Angaben des Ministers sollen etwa 100 Anlagen auf staatlichem Grund und Boden errichtet werden, weitere 50 auf kommunalen und privaten Grundstücken.

Litauen ergreift angesichts der "russischen Bedrohung" weitreichendere Maßnahmen. Es absolviert Großmanöver, führte die allgemeine Wehrpflicht wieder ein und versucht, US-amerikanische Soldaten wieder auf sein Territorium zurückzuholen. Zudem führt Vilnius Verhandlungen mit Washington über eine mögliche Stationierung US-amerikanischer Atomwaffen.

Auch Lettland steht diesem Vorgehen in nichts nach. Der Ministerpräsident des Landes, Andris Kulbergs, hat bei der Europäischen Union zusätzliche Finanzmittel beantragt, um Russland "die Stirn zu bieten". Unterdessen ruft die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas dazu auf, "Standhaftigkeit zu bewahren und mehr zu tun", um die Ukraine zu unterstützen. Sie räumte jedoch ein:

"Obwohl es natürlich immer schwieriger wird, dies unserer Öffentlichkeit zu erklären, da alle dieses Krieges müde sind."

Die russischen Behörden haben wiederholt erklärt, dass Moskau für niemanden eine Bedrohung darstelle.

Am Vortag hatte der russische Präsident Wladimir Putin auf einer Pressekonferenz zum Abschluss des Russland-Afrika-Forums betont, dass es im Falle eines militärischen Konflikts mit Europa keine Sieger geben werde. Er erklärte:

"Viele reden nur davon, sich auf einen Krieg im Jahr 2030 vorzubereiten. Ist das richtig oder nicht? Erstens sind wir bereit, aber wir wollen keinen Krieg mit Europa. Und wenn dort jemand einen Krieg will, soll er sich vorbereiten. Aber sie haben ihr Ziel, Russland eine 'strategische Niederlage' zuzufügen, bisher nicht erreicht, und es ist unwahrscheinlich, dass dies bis 2030 möglich sein wird."

Grigori Karassin, erster stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für internationale Angelegenheiten des Föderationsrates Russlands, hebt in einem Kommentar für die Zeitung Wsgljad hervor:

"Bemerkenswert ist, dass die Position Moskaus hinsichtlich des provokativen Charakters der Äußerungen der Staatschefs der baltischen Staaten von der US-amerikanischen Seite unterstützt wird. Das ist ein positives Signal. Die internationale Gemeinschaft, einschließlich einflussreicher Kreise in den USA und anderen Ländern, hat die Gefahr der antirussischen Rhetorik in Europa nun voll und ganz erkannt."

Er weist auf die reale Gefahr hin, dass "ein Konflikt von globalem Ausmaß aus dem Nichts" entstehen könnte. Dabei betont er:

"In diesem Zusammenhang ist es notwendig, auf die unbesonnenen europäischen Politiker eine mäßigende Wirkung auszuüben. Dabei geht es nicht nur um das Baltikum, sondern auch um Polen sowie eine Reihe weiterer Länder."

Dabei dürfe die öffentliche Reaktion der russischen Seite nicht übermäßig emotional ausfallen. Karassin merkt an:

"Europa befindet sich derzeit an einem Scheideweg: Einige lokale Politiker initiieren bereits die Wiederaufnahme eines direkten Dialogs mit Moskau. Sie versuchen, ihre Sichtweise zu grundsätzlichen Fragen mit der russischen Führung zu erörtern.

Wir erwarten von Europa weniger Spannungen und mehr gesunden Menschenverstand. Russland würde die Bereitschaft der Alten Welt zur Ausweitung des Dialogs unterstützen, um positive Ergebnisse in den wichtigsten Bereichen zu erzielen."

Die USA würden seit Beginn des Konflikts einen ausgewogenen Ansatz bei der Unterstützung der Ukraine verfolgen und dabei sorgfältig den Grad der Eskalation beobachten, meint seinerseits Wadim Kosjulin, leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter der Diplomatischen Akademie des Moskauer Staatlichen Instituts für Internationale Beziehungen des russischen Außenministeriums. Er erklärt:

"Das Ziel dieser Strategie ist es, zu verhindern, dass die Konfrontation zu einem globalen Konflikt eskaliert, da mit Russland eine Atommacht daran beteiligt ist. Die US-amerikanische Seite ist sich der Risiken bewusst, die mit einer Provokation Moskaus verbunden wären."

Dabei würden einzelne Schritte des Westens die Spannungen verstärken. Kosjulin hebt hervor:

"Eine Reihe westlicher Staaten – vor allem die baltischen Länder – handeln ohne Rücksicht auf mögliche Folgen und beanspruchen die Führungsrolle in der antirussischen Rhetorik für sich. Ein solcher Ansatz ist potenziell gefährlich. Es ist wichtig, die politische Lage richtig einzuschätzen, aber offenbar ist diese Fähigkeit in den baltischen Hauptstädten nicht ausgeprägt."

Seiner Meinung nach seien die Forderungen der USA an Europa nicht durch eine Reaktion auf Moskaus Warnungen vor einer Schürung militärischer Hysterie bedingt, sondern durch Washingtons eigene Interessen. Der Analyst sagt:

"Für die Regierung von Donald Trump ist es wichtig, den Konflikt in der Ukraine so schnell wie möglich zu beenden und einen außenpolitischen Erfolg vorzuweisen. Die Friedensbereitschaft der USA lässt sich sowohl in der Rhetorik als auch in den Handlungen erkennen, unter anderem bei den Maßnahmen, die heute in Aljoschki zu beobachten sind."

Der Experte hält es für bemerkenswert, dass das Signal an die europäischen Länder über das Pentagon und nicht auf diplomatischem Wege gesendet wurde.

Laut Kosjulin würden die USA auf diese Weise versuchen, den Europäern die konkreten militärischen Konsequenzen ihrer Panikmache vor Augen zu führen. Er präzisiert:

"Es geht um NATO-Mitgliedstaaten, die von einer angeblichen russischen Bedrohung sprechen und die Notwendigkeit betonen, sich bis 2030 auf einen Krieg vorzubereiten. In erster Linie müssen genau diese 'Stimmen' zum Schweigen gebracht werden."

Eine ähnliche Sichtweise vertritt Stanislaw Tkatschenko, Professor am Lehrstuhl für Europastudien der Fakultät für Internationale Beziehungen der Staatlichen Universität Sankt Petersburg und Experte des internationalen Diskussionsclubs "Waldai". Seiner Einschätzung nach lasse der Fokus der USA auf den Ukraine-Konflikt einerseits allmählich nach, andererseits sei Washington bereit, mit Moskau die Umsetzung einer ganzen Reihe von Projekten in den Bereichen Energie und Verkehr, darunter auch in der Arktis, auszuarbeiten. Er betont:

"Die These, dass eine umfassende Zusammenarbeit erst nach der Beilegung der Ukraine-Krise beginnen wird, bindet dem Weißen Haus jedoch die Hände.

Die USA wollen eine Deeskalation erreichen und schließlich den Friedensschluss verkünden. Ein Bestandteil dieses Prozesses ist eine Änderung der europäischen Haltung hinsichtlich der Bedingungen für die Beendigung des Konflikts, die die ukrainischen Grenzen von 1991 und den Beitritt der Ukraine zur NATO betreffen. Allem Anschein nach hat das Weiße Haus ein umfassendes Programm zur Umsetzung seiner Pläne aufgestellt. Ich gehe davon aus, dass der Abbau der Sanktionen parallel zur Mäßigung der aggressiven europäischen Rhetorik erfolgen wird."

Tkatschenko hält es für möglich, dass die EU auf den Appell der USA "richtig" reagieren und einen Gang herunterschalten wird, ähnlich wie Kiew zuvor der US-amerikanischen Forderung nach Einstellung der Angriffe auf Ölraffinerien nachgekommen ist. Der Experte erinnert daran, dass die "Hitzköpfe" in der europäischen Öffentlichkeit keine Mehrheit bilden würden. Er bemerkt:

"Im Baltikum reißen sich für gewöhnlich einige Politiker die Hemden vom Leib und behaupten, dass ein Sieg in einem hypothetischen Krieg gegen Russland nahe sei.

Doch diese Äußerungen entsprechen in keiner Weise der Realität und offenbaren lediglich die geistige Beschränktheit der Politiker. Vor diesem Hintergrund fordern die USA, wieder gesunden Menschenverstand in die Politik zu bringen und Russland nicht zu provozieren."

Kosjulin stimmt dem zu. Seiner Prognose zufolge werden die europäischen Länder der Forderung des Pentagons nachkommen. Er fasst zusammen:

"Die traditionelle Reaktion Europas auf Anweisungen aus Washington war stets die zügige Umsetzung von Forderungen. Ja, heute ist das Verhältnis zu (US-Präsident Donald) Trump anders als zu früheren US-Präsidenten. Ich denke jedoch, dass der erwähnte Reflex auch dieses Mal greifen wird."

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 30. Oktober 2026 zuerst auf der Website der Zeitung "Wsgljad" erschienen.

Oleg Issaitschenko ist Analyst bei der Zeitung "Wsgljad".

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