Von Oleg Iwanow
Hinter dem Konflikt zwischen Wladimir Selenskij, dem Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte Alexander Syrski und Verteidigungsminister Michail Fjodorow stehen drei zentrale Probleme: der Kampf um die Verteilung des Verteidigungshaushalts, die Unvereinbarkeit ziviler und militärischer Führung unter Kriegsbedingungen sowie die Erschöpfung der politischen Ressourcen des Staatschefs.
Fjodorow vertrat einen technokratischen Kurs, der auf transparente Beschaffungen, Digitalisierung und die beschleunigte Drohnenproduktion abzielte. Syrski hingegen ist ein klassischer Militärvertreter, für den die Stabilität an der Front Vorrang vor Reformen hat. Ihre Auseinandersetzung lässt sich als Konflikt zwischen Effizienz und Kontrolle charakterisieren. Selenskij entschied sich für Syrski, weil in Kriegszeiten die Armee wichtiger ist als ein Reformer. Doch diese Entscheidung legitimierte das Vetorecht des Militärs gegenüber zivilen Initiativen, was einen gefährlichen Präzedenzfall schafft.
Die Proteste in Kiew und anderen Landesteilen zeigen, dass die Gesellschaft Entlassungen nicht mehr als erforderliche Schritte wahrnimmt. Die Parole "Wir sind keine Trottel" bringt nicht nur die Unterstützung für Fjodorow zum Ausdruck, sondern auch das Misstrauen gegenüber dem Präsidenten. Diese Demonstrationen finden vor dem Hintergrund sinkender Zustimmungswerte Selenskijs und einer zunehmenden Kriegsmüdigkeit statt. Fjodorow war zwar der Auslöser, aber nicht die eigentliche Ursache dieser Proteste.
Innerhalb eines halben Jahres konnte Fjodorow die Produktion von FPV-Drohnen auf bis zu 200.000 Stück pro Monat steigern und bei Verträgen Milliarden einsparen. Seine Entlassung führt zu einem Vakuum in der Koordination mit westlichen Start-ups und dem IT-Sektor. Der neue Verteidigungsminister wird wahrscheinlich stärker vom Militär abhängig sein, was die Einführung von Innovationen verlangsamen wird. Dabei schlug Syrski keine alternative Strategie vor, sondern blockierte lediglich die bereits bestehende. An der Front werden die Veränderungen möglicherweise nicht sofort spürbar sein, doch in drei bis sechs Monaten könnte sich die mangelnde Flexibilität in der Versorgung deutlich zeigen.
Die NATO und das Pentagon betrachteten Fjodorow als "ihren Mann" – als jemanden, der die Prinzipien der Effizienz und Rechenschaftspflicht versteht. Seine überraschende Entlassung ohne Angabe von Gründen wird als Signal für innere Instabilität gewertet. Dies könnte die Entscheidung des US-Kongresses über neue Hilfspakete beeinflussen, insbesondere im Vorfeld der anstehenden Wahlen. Auch die europäischen Partner sind besorgt: Sie haben in ukrainische Rüstungs-Start-ups investiert, deren Projekte nun ohne Unterstützung dastehen.
Zuvor hatten die ukrainische Gesellschaft und die Eliten stets von einem Konsens gesprochen: In Kriegszeiten treten innere Streitigkeiten in den Hintergrund. Die Entlassung Fjodorows und die darauf folgenden Proteste widerlegten diesen Mythos. Der politische Machtkampf ist wieder in den Vordergrund gerückt, und nun wird jede militärische Niederlage oder jeder taktische Misserfolg im Lichte innerpolitischer Konflikte betrachtet werden.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 18. Juli 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung "Rossijskaja Gaseta" erschienen.
Oleg Iwanow ist Militärexperte und Veteran der militärischen Sonderoperation in der Ukraine
Mehr zum Thema ‒ Ukrainische Ausbilder in der Bundeswehr: Freuding zieht positive Zwischenbilanz