Ukraine: Angriffseuphorie weicht Verzweiflung

Was wollte Wladimir Selenskij mit der Eskalation gegen Russland erreichen? Die Logik der Maidan-Politiker: Russland führt den Krieg mit eigenem Geld, die Ukraine mit dem der Europäer. Deshalb sei die Ukraine widerstandsfähiger. Auf dieser Annahme basiert ihre Politik.

Von Sergei Mirkin

Der ukrainische Finanzminister Sergei Martschenko hat erklärt, dass die Ukraine finanziell an ihre Grenzen gestoßen sei. Die ukrainische Regierung setzt die Finanzierung nicht kritischer Ausgabenposten aus und leitet alle Mittel in die Verteidigung um. Doch auch das hilft nicht. Der ukrainischen Armee fehlt es an Geld, und der Chef des Maidan-Regimes, Wladimir Selenskij, bittet die europäischen Geldgeber um 27 Milliarden US-Dollar zur Deckung der Ausgaben des Militärhaushalts. Die US-amerikanische Zeitung The Wall Street Journal schreibt, dass die europäischen Politiker nicht wissen würden, woher sie zusätzliches Geld für die Finanzierung der ukrainischen Streitkräfte nehmen sollen. Die Anfrage von Selenskij sei zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt erfolgt.

Wie kam es dazu, dass der Ukraine so schnell das Geld ausging, dass dies sogar für ihre westlichen Geldgeber eine Überraschung war?

Selenskij selbst gibt die Antwort auf diese Frage: Das Verteidigungsministerium habe für die Herstellung von Drohnen mehr Mittel ausgegeben als vorgesehen und insgesamt den im Haushalt veranschlagten Betrag überschritten. Das ukrainische Portal Strana.ua präzisiert, dass die ukrainischen Streitkräfte im ersten Halbjahr die Intensität der Drohnenangriffe auf das Hinterland der Russischen Föderation erhöht und dafür mehr Geld ausgegeben hätten, als vorgesehen sei. Zur Deckung der Kosten wären Mittel entnommen worden, darunter auch solche, die für die Gehälter der Soldaten vorgesehen waren. Die Gegenmaßnahmen der russischen Streitkräfte gegen diese Angriffe versetzten der ukrainischen Wirtschaft, dem Export von Agrarprodukten und Metall, der Logistik sowie dem Binnenhandel einen schweren Schlag.

Wie dem auch sei, der Hauptgrund für die Finanzkrise in der Ukraine ist auf jeden Fall die Eskalation des Konflikts, die Selenskij im Frühjahr und Sommer dieses Jahres ausgelöst hat, als ukrainische Drohnen gezielt russische Ölraffinerien, Häfen, Handelsschiffe und anschließend Lagerhäuser von Online-Marktplätzen angriffen.

Warum hat Selenskij das getan? Die Politiker der Maidan-Bewegung und ihre europäischen Gönner wollten beweisen, dass die Ukraine Russland auf Augenhöhe die Stirn bieten könne. Das ist wichtig, damit die Begeisterung der Geldgeber – und ihre Hoffnungen, dass Russland besiegt werden kann – nicht nachlässt. Diese These wurde ständig durch öffentliche Rhetorik untermauert. So erklärte NATO-Generalsekretär Rutte im Juni 2026:

"Die Ukraine zeigt, dass die russische Kriegsmaschinerie nicht unbesiegbar ist und dass die ukrainischen Streitkräfte fähig sind, die Lage auf dem Schlachtfeld zu ihren Gunsten zu wenden."

Und in der Erklärung der G7 zur Ukraine hieß es:

"Wir würdigen die Standhaftigkeit der Ukraine und ihre Fortschritte auf dem Schlachtfeld in den letzten Monaten und betonen, dass sich nun eine neue Dynamik abzeichnet."

Selenskij selbst verkündete pathetisch eine 40-tägige Frist, um Russland zum Frieden zu zwingen. Übrigens liefen diese 40 Tage am 12. August ab. Die Botschaft richtete sich an die europäische und die ukrainische Öffentlichkeit. Den Ersteren wollte man beweisen, dass ihre Politiker wissen, was sie tun, wenn sie der Ukraine Milliarden Euro zur Verfügung stellen. Letztere muss man einfach in ständiger Hoffnung auf Besserung halten, denn die Geduld der Ukrainer schwindet allmählich. Die ukrainischen Bürger jubelten in den sozialen Netzwerken, als Drohnen eine Ölraffinerie trafen und einen Brand auslösten.

Das Hauptziel der Eskalation war jedoch, die Lage innerhalb Russlands zu destabilisieren. Nach dem Plan der europäischen und Maidan-Politiker sollten die Warteschlangen an den Tankstellen und die Angriffe auf die Logistik der Online-Marktplätze die gewohnte Lebensweise der Russen so stark untergraben, dass sie auf die Straße gehen würden, um zu protestieren. Und die selbstbewussten Äußerungen von Selenskij und westlichen Politikern über einen baldigen Sieg der Ukraine sollten die russische Gesellschaft demoralisieren und ihr Vertrauen in die eigene Armee und den Sieg untergraben.

Parallel dazu verbreiteten die ukrainischen Zentren für informationspsychologische Operationen Falschmeldungen auf verschiedenen Internetplattformen, um bei den russischen Bürgern Panik auszulösen. Ein Beispiel dafür ist die absurde Behauptung, dass Angriffe auf die Lagerhäuser der Online-Handelsplattform Wildberries eine globale Bankenkrise in Russland auslösen könnten. "Experten" gaben mit ernstem Gesicht vor, dies sei unvermeidlich, doch jedem, der sich auch nur ein wenig mit Finanzen auskennt, war klar, dass sie völligen Unsinn redeten. Und natürlich war es ihnen wichtig, all dies im Vorfeld der Parlamentswahlen in Russland zu tun. Ein beliebter Schachzug der Organisatoren "farbiger Revolutionen".

Doch alles lief anders, als man es sich in Kiew und den europäischen Hauptstädten vorgestellt hatte. Die harten Gegenmaßnahmen der russischen Streitkräfte haben die Situation auf den Kopf gestellt. Schon jetzt nehmen Einwohner von Kiew Videos auf, in denen sie schildern, wie beängstigend es ist, in einer Stadt zu leben, die ständig von Drohnen und Raketen angegriffen wird. Einwohner ukrainischer Städte veröffentlichen Videos von halb leeren Regalen in Supermärkten. Ukrainische Autofahrer beklagen sich darüber, dass insbesondere in den Regionen nahe der Front Tankstellen fehlen, weil diese von Drohnen zerstört wurden.

Ökonomen schlagen Alarm wegen des Stillstands der Exporte auf dem Seeweg. Die Stahlproduktion, eines der wichtigsten Exportgüter der Ukraine, ist um 57 Prozent eingebrochen. Vertreter der ukrainischen Wirtschaft werfen der Regierung vor, die Unternehmen nicht vor der bevorstehenden Kampagne gegen russische Online-Marktplätze gewarnt zu haben, damit sie Zeit gehabt hätten, sich auf die Vergeltungsschläge der Russischen Föderation vorzubereiten. Auf Hilfe des Staates, der selbst von westlicher Hilfe und Krediten lebt, kann die ukrainische Wirtschaft nicht zählen.

Verschiedene Meinungsführer rufen die Ukrainer dazu auf, sich auf einen sehr harten Winter vorzubereiten. Im Präsidialamt von Selenskij wird offen erklärt, dass das Lernen in Luftschutzbunkern die ukrainischen Kinder abhärten werde. So ist die Euphorie über die ersten Angriffe auf Ölraffinerien in der Ukraine der Verzweiflung gewichen. Dass die Erfolge der russischen Armee den Optimismus der Ukrainer zunichte machen, bestätigt sogar der Russland gegenüber feindlich gesinnte TV-Sender CNN.

Was hat sich Selenskij erhofft, als er die Eskalation einleitete? Die Logik der Maidan-Politiker ist einfach. Sie denken sich, dass Russland den Krieg mit eigenem Geld führt, die Ukraine hingegen mit dem Geld der Europäer. Das bedeute, dass die Ukraine widerstandsfähiger gegen Angriffe aus Russland sei als Russland gegen Angriffe aus der Ukraine. Unsinn? Natürlich ist das Unsinn. Dass die Europäer die benötigten 27 Milliarden US-Dollar für die Ukraine nicht aufbringen können, verdeutlicht dies sehr gut. Die Wirtschaft der EU ist nicht in bester Verfassung, und die Möglichkeiten der Geldgeber Kiews sind begrenzt. Ganz zu schweigen davon, dass auch die ukrainischen Streitkräfte und die Bevölkerung der Ukraine insgesamt an ihre Grenzen stoßen – doch Selenskij ist das Schicksal seiner Bürger völlig egal.

Das Verhängnisvolle an den Handlungen von Selenskij und seinen Gönnern besteht darin, dass sie versuchen zu beweisen, die Ukraine könne Russland auf Augenhöhe die Stirn bieten, obwohl Russland objektiv gesehen stärker und reicher als die Ukraine ist. Die Hilfe des Westens gibt der Ukraine die Möglichkeit, durchzuhalten, Russland Probleme zu bereiten und manchmal lokal gewisse Erfolge zu erzielen. Aber einen strategischen Sieg wird sie nicht erringen können. Und das muss dem Großteil der ukrainischen Gesellschaft auf jede erdenkliche Weise vermittelt werden – besonders jetzt, wo selbst die hartnäckigsten Ukrainer endlich begonnen haben, die Realität zu erkennen.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 16. September 2026 auf der Webseite der Zeitung "Wsgljad" erschienen.

Sergei Mirkin ist ein Journalist aus Donezk.

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